Schulden sind längst nicht so schlecht wie ihr Ruf
Anders als an deutschen Stammtischen gerne behauptet wird, sind Staatsschulden nicht per se schlecht. Der Soziologe Lorenz von Stein hat das schon 1871 erkannt, als er schrieb: „Ein Staat ohne Staatsschuld tut entweder zu wenig für seine Zukunft, oder er fordert zu viel von seiner Gegenwart." Wie aktuell dieses Zitat ist, zeigt ein Manifest, das eine Gruppe von elf Wissenschaftlern im Juni vorgelegt hat. Die Forscher – darunter der Freiburger Ökonom Lars P. Feld und der Berliner Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich – rufen dazu auf, „sich selbst und anderen zum Thema Staatsschulden keine Denkverbote zu verordnen". Entgegen manchem Vorurteil müsse „Staatsverschuldung als solche nicht notwendig nachteilig für Staat und Gesellschaft sein".
Wir vererben nicht nur Schulden sondern auch wichtige Infrastruktur
Die Kreditgegner argumentieren dagegen stets mit der Last, die wir unseren Kindern aufbürden, in dem wir ihnen unsere Staatsschulden vererben. Sie ignorieren dabei jedoch, was mit den Schulden geschaffen wird. Zum Beispiel wären neue Autobahnen, IT-Netze, Kindergärten, Schulen oder Universitäten ohne Schulden kaum finanzierbar. Dabei sind gerade solche Ausgaben wichtige Investitionen in die Zukunft. Von ihnen profitieren künftige Generationen besonders stark. Entsprechend ist es nur gerecht, wenn nicht allein die heutigen Steuerzahler die Kosten dafür tragen, sondern auch die Nachfahren. Unseren Kindern vererben wir somit nicht nur Schulden sondern vor allem eine Menge Vermögen in Form von Infrastruktur.
Wichtiger als die Höhe der Schulden ist die Frage, wofür man das geliehene Geld ausgibt. Probleme gibt es mit den Schulden immer dann, wenn man das anvertraute Geld verschwendet, wenn es in die falschen Projekte fließt. So ist die Finanzkrise entstanden, weil zu viele Amerikaner Immobilienkredite aufgenommen haben, die sie sich nicht leisten konnten. Und weil die Banken diese Risiken an Hedgefonds weiterverkauft haben. Eine solche Entwicklung zu verhindern, ist Aufgabe der Finanzaufsicht. Sie muss darauf achten, dass Verschuldung tatsächlich den volkswirtschaftlich gewünschten Effekt hat. Denn sonst passiert es schnell, dass sich eine Krise ausbreitet – wie 2008, als die Banken sich plötzlich nicht einmal mehr gegenseitig Geld leihen wollten. Schließlich ist jeder Kredit ein Geschäft mit dem Vertrauen. Geht es verloren, führt das in die Krise.
Griechenland braucht einen Schuldenschnitt, um wieder schuldenfähig zu werden
Ganz deutlich wird das am Beispiel Griechenlands. Das Land steckt in der Bredouille – obwohl die Pro-Kopf-Verschuldung in vielen anderen Staaten deutlich höher ausfällt: etwa in Österreich, Irland, der Schweiz oder den USA. Doch anders als Griechenland genießen diese Schuldenstaaten noch immer das Vertrauen ihrer Investoren und haben keine Probleme, neue Schulden aufzunehmen. Was wir in Griechenland beobachten, ist deshalb streng genommen keine Schuldenkrise – sondern eine Vertrauenskrise. Zu lange hat das Land die schwache Wettbewerbsfähigkeit und die hohe Korruption ignoriert, mit dem geliehenen Geld einen aufgeblähten Staatsapparat finanziert und noch dazu mit kreativer Buchführung seine Zahlen geschönt. Indem die übrigen EU-Staaten nun Beweise für den Reformwillen einfordern, versuchen sie das Vertrauen wiederherzustellen. Ein wichtiges, aber mühsames Unterfangen.
Ob es gelingt, wird sich zeigen. Womöglich braucht Griechenland für einen Neuanfang tatsächlich einen Schuldenschnitt. Für die Anleger wäre das ärgerlich, für die Griechen hart. Doch so abstrus es klingen mag: Ein Schuldenschnitt könnte dem Land langfristig helfen, überhaupt wieder schuldenfähig zu werden. Denn auch Griechenland braucht Schulden. Gute Schulden, die die Wirtschaft ankurbeln, das Wachstum stärken. So gesehen wären neue, schlau eingesetzte Schulden eine Chance für Griechenland. Ein Neuanfang.
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